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Gastland Bundesrepublik Deutschland
Gastland Bundesrepublik Deutschland, 1983-84 © Hildegard Ochse

Zoologische Ansichten von Sabine Wild und Hildegard Ochse
Kuratiert von Benjamin Ochse
Eine Fotoausstellung im Tempelhof Museum
Vom 27. März bis 14. Juni 2020 | verlängert bis zum 28. Juni

Please find the English medie release below

Unter dem Titel »WILD & OCHSE – Zoologische Ansichten« zeigt die Ausstellung divergente Ansichten aus europäischen und asiatischen Zoos der Autorenfotografinnen Sabine Wild (*1962) mit ihren Serien »Territorien« und Hildegard Ochse (1935–1997) unter dem Titel »Gastland Bundesrepublik Deutschland«.

Hildegard Ochses Bilder zeigen rosarote Flamingos in feinen Grauabstufungen, die Vögel stehen in einem mit etwas Wasser gefüllten Rondell mit einem Baum in dessen Zentrum, wie auf einem Dorfplatz versammelt und suchen nach Futter in drei aufgestellten Futterkisten aus Kunststoff. In einem Primatenhaus schaut der Betrachter auf einen großen Gorilla hinter dicken Glasscheiben. Die Wände in seinem Lebensraum sind mit kleinen bunten quadratischen Fliesen ausgeschmückt, die an den Blätterwald eines Dschungels erinnern und dem Tier ein urwäldliches Heimatgefühl vermitteln soll. Für seine täglichen Bewegungsübungen stehen dem Tier eine große Sitzschaukel und einige Kletterstangen aus Edelstahl zur Verfügung, an denen er sich strecken und entlang hangeln kann. Von dem Tier selbst sieht der Betrachter in Hildegard Ochses Fotos nicht mehr als sein langes zottelige Fell in der Mitte des Raumes. Der große alte Gorilla kommuniziert nicht mit dem Zoobesucher, schaut ihn nicht an, zeigt ihm den Rücken und beschäftigt sich mit sich selbst. Im Berliner Zoo laufen im Freigehege zwei Eisbären auf einen künstlich angelegten Felsen umher, umrundet von einem tiefen Wassergraben, der mit einer hohen Betonmauer eingefasst ist, in dem sie baden können. Im Hintergrund sieht der Betrachter Teile der Westberliner Skyline mit einem Hochhaus und die zerstörte Turmspitze der Gedächtniskirche, die hinter dem Eisbärenfelsen wie ein abgebrochener Zahn hervorschaut. Die Bären machen auf dem Bild den Eindruck, als würden sie nach einem Ausweg suchen, den es aber für sie nicht gibt. In einem Affenfreiluftgehege sitzen kleine Kreaturen in einer modernen Waschbeton-Architektur, mit Treppen, Stufen, höhlenartigen Betonwürfeln und einem an einer Achse aufgehängtem Rhönrad, ein Sportgerät, das aus zwei durch Sprossen miteinander verbundenen Reifen besteht und welches die Affen zum Turnen animieren soll. Zwei kleine Primaten sitzen in einer Betonröhre und lausen sich gegenseitig. Die Anlage erinnert an den Rohbau eines Atombunkers aus den frühen 70er Jahren.

Gastland Bundesrepublik Deutschland, Hildegard Ochse 1984
Gastland Bundesrepublik Deutschland, 1984 © Hildegard Ochse

Europäische Zoos erscheinen in Ochses Fotos immer wieder als eine Spielwiese für Architekten, auf der sie größeren gestalterischen Freiraum genießen als bei Bauten für den Homo sapiens. In den Gebäuden, Stallungen und Gehegen werden die Tiere in einzelnen Boxen mit der obligatorisch dazugehörenden Ausstellungsbeschriftung nebeneinander aufbewahrt wie in einer Schmetterlingssammlung aus exotischen Ländern. Hildegard Ochses Fotografien aus den zoologischen Gärten zeigen nichts geschönt, verniedlicht oder vermenschlicht. Hildegard Ochse ging es bei ihrer Arbeit um eine politische und zugleich philosophische Aussage, nicht um dekorative verharmlosende Tierfotos für Biologen, Zoologen und Tourismuswerbung. Es ent­standen über Jahre hinweg Hunderte unterschiedliche Bilder von Kreaturen in deren Käfigen, Gehegen und Vitrinen der europäischen Zoo-Architektur.

Gastland Bundesrepublik Deutschland
Gastland Bundesrepublik Deutschland, 1983 © Hildegard Ochse

Die Besucher und Betrachter der Zootiere ließ die Fotografin bewusst in ihren Bildern aus, da durch ihre Anwesenheit ein anderer Eindruck entsteht. Sie fotografierte die Kreaturen wie seelenlose Ausstellungsstücke mit Akribie, hinter Glasscheiben, Gittern, Zäunen, schweren Absperrungen oder Wassergräben. Wo die Tiere ähnlich wie in einem Hochsicherheitsgefängnis gehalten werden. Die Zoo-Architektur in ihren Bildern verrät mehr über die Psyche der Erbauer, als über die Tiere aus fremden Ländern selbst. Die modernen Zoos scheinen heute nur noch als eine Treuhandanstalt für die Schöpfung und dem Konsum ihrer Besucher zu dienen.
Benjamin Ochse

Territorien – Wildnis in Käfigen. Sabine Wild, 2019
Territorien – Wildnis in Käfigen, 2019 © Sabine Wild

Die Fotografin Sabine Wild nähert sich dem Thema in digtal und in Farbe:
Die Auseinandersetzung mit unserem Verhältnis zu Tieren ist en vogue: Sich vegan zu ernähren aus Tierschutzgründen gewinnt immer mehr Anhänger. Gerichte haben in Indien und Florida z. B. Delphine als ›nicht menschliche Personen‹ anerkannt; ihre Käfighaltung ist somit untersagt. Und seit Jahren wird über die die Berechtigung von Zoos und die optimale Wildtierhaltung diskutiert. Namhafte Architekten setzen sich nach neuesten Erkenntnissen mit adäquater Käfigarchitektur auseinander, wie z. B. Norman Foster, der das Elefantenhaus im Kopenhagener Zoo gebaut hat. Ist es in diesem Kontext überhaupt statthaft, sich als Fotografin aus einem rein ästhetisch begründeten Interesse dem Thema der Käfigarchitektur zu nähern und diese ganzen Debatten außer Acht zu lassen?

In meiner Serie »Territorien« geht es um die Auseinandersetzung mit der Darstellung von Wildnis durch Kultur in Form architektonischer Strukturen, Ordnung und Zähmung. Ich löse sie aber aus ihrem Kontext – entweder mittels der Reduktion auf ihre grafischen Elemente oder mittels der visuellen Verweigerung ihrer Verortung. Mich reizt es, dem Betrachter die Orientierung bei der Betrachtung dieser Räume zu nehmen und ihm die Informationen über die eigentliche Funktion dieser Räume vorzuenthalten, indem ich Käfige meist ohne die dort lebenden Tiere zeige.

Territorien – Wildnis in Käfigen
Territorien – Wildnis in Käfigen, 2019 © Sabine Wild

Raubtierkäfige aus den 70er Jahren, häufig alle baugleich errichtet, fotografiere ich wie ein durchdekliniertes strenges Raster, das durch sich minimal unterscheidende Requisiten wie Säcke, zerfetzte Seile, abgekaute Baumstümpfe und Palmwedel aufgelöst wird. Diese sollen auf Wildnis verweisen. Die variierenden pastellfarbigen Fliesenmuster im Hintergrund wirken dabei wie ein Versuch, von ihrem meist sterilen Charakter abzulenken.

Die Fotografien von den Käfigen in Chengdu spielen mit Illusionen einer Naturkulisse, wie sie auch in Dioramen entstehen. Der nahtlose Übergang von realer Vegetation zu gemalter Landschaft täuscht räumliche Tiefe und Wirklichkeitsnähe vor – bis es dem Betrachter schwerfällt, den Übergang zwischen Realität und Abbildung zu erkennen. Innen und Außen ist nicht immer zu unterscheiden, die Bestimmung dieser Räume ist kaum zu erahnen. Manche Käfige, düster und mit Metalltüren verschlossen, erinnern kaum an Lebensräume für Affen.
Sabine Wild

Weiterführende Webseiten:
Hildegard Ochse
Sabine Wild
Haus am Kleistpark


English media release

Wild & Ochse – Zoological Views
Photographs by Sabine Wild & Hildegard Ochse

The current exhibition curated by Benjamin Ochse features zoo photographs taken almost 35 years apart from the two photographers Sabine Wild (*1962), with her series ‘Territories’, and Hildegard Ochse (1935–1997), with her ‘Gastland Bundesrepublik Deutschland’ (Host Country: Federal Republic of Germany).

In his essay ‘Why Look at Animals?’ John Berger drew parallels between the function of the zoo and art exhibitions in museums: ‘Visitors visit the zoo to look at animals. They proceed from cage to cage, not unlike visitors in an art gallery who stop in front of one painting, and then move on to the next or the one after next.’ Cf. John Berger: 1981.

In her extensive series (1983-1984), Hildegard Ochse shows over one hundred different pictures of creatures in the cages, enclosures, and showcases of European zoo architecture. In Ochse’s photographs, these zoos almost seem more like playgrounds for architects interested in larger design freedom than designing buildings for homo sapiens. In Neo-classical, Oriental, or Bauhaus-style buildings with stables and enclosures, the creatures are presented in individual boxes with their obligatory label like art exhibits in museums. Hildegard Ochse’s photographs do not belittle, minimize, or humanize. Her work is both a political as well as philosophical statement and has nothing to do with decorative animal photos for tourists. Ochse deliberately left the viewers of the animals out of her pictures. Meticulously photographing the animals like soulless exhibits she made it clear that thick panes of bulletproof glass, gates, fences, heavy barriers, and deep-water trenches are more like high security prisons than adequate life spaces. The focus on architecture in her photos tells us more about the builders’ intentions than the animals from foreign countries themselves. Even today these modern zoos seem to be more like trust companies for their visitors’ creation and consumption than anything else.

Photographer Sabine Wild, who has been working on the subject of zoo architecture since 2007, uncovers the aesthetic concepts behind the apparently functional elements of keeping animals in zoos. Wild writes: ‘The examination of our relationship to animals is en vogue: Going vegan for animals’ sake is more and more of a thing. And for years now people have been debating the ethical justification of zoos as well as optimal wildlife management. In India, for example, courts have recognized dolphins as “non-human persons”; keeping them in zoos is therefore prohibited. And well-known architects, such as Sir Norman Foster, responsible for the elephant house at the Copenhagen Zoo, consider the latest findings of cage architecture. In this context, as a photographer, is it even okay to have an aesthetical interest in the topic of cage architecture while ignoring these debates?’

She presents the enclosures as stages upon which – by means of aesthetic concepts – a narrative is given to trapped animals. Thereby many of the stage elements and props are not dedicated to the preservation of life, but subordinated to an aesthetic function for the human observer, the consumer of these living animal pictures. She photographs cages from the 1960s, often built identically, as if through a strict grid, which can only be distinguished by minimal differences in the props like raw sacks, tattered ropes, chewed tree stumps, and palm fronds. All of which respond to the idea of wildness. The artist exposes the varying pastel-coloured tile patterns in the background as an attempt to draw on art historical models and to distract from their clinically sterile nature. She plays with the illusions of natural scenery, where it is difficult for the viewer to recognize the transition between reality and construction. Wild removes these places from their context – by either a reduction of their graphic elements or the visual refusal to locate them. She is fascinated with showing the viewer the actual purpose of these rooms, by keeping these places of custody almost exclusively without the animals that go with them. In these ‘Territories’, she is concerned with the architectonic representation of wilderness in the form of architectural structures, order, and domestication.