Tish Murtha

Tish Murtha

Tish Murtha : Fotografien aus England

Kuratiert von Benjamin Ochse in Zusammenarbeit mit Ella Murtha
Ab Ende März 2019 in Berlin

Particia Anne »Tish« Murthas Fotografien stehen ganz in der Tradition der Dokumentation der britischen Arbeiterklasse, die erstmals von Charles Dickens in seinem Gesellschaftsroman »Oliver Twist« ausführlich beschrieben wurde. Zu den bekanntesten und wichtigsten Fotografen der britischen Arbeiter- und Sozialfotografie gehörte die Exilfotografin Edith Tudor-Hart (1908–1973), Bert Hardy (1913–1995) sowie Roger Myne (1929–2014) und Shirley Baker (1932–2014). Tish Murtha hat sich selber nie als eine typische Fotojournalistin gesehen die im normalen Tagesgeschäft der Medien arbeitet, Politiker und Fußballspieler portraitiert oder Verkehrsunfälle und andere kleine und große Dramen des Alltags dokumentiert. Sie fotografierte das »ganz normale« Leben der Bevölkerung auf den Straßen in ihrer Umgebung. Tish wollte zeigen wie Polizisten Jugendliche verprügelten, wie sie in ihrem Vorstellungsgespräch für einen Studienplatz für Fotografie sagte und daraufhin postwendend von der Universität aufgenommen wurde.

Particia Anne »Tish« Murtha wurde am 14. März 1956 im heruntergekommen South Shields in Tyneside als das Dritte von zehn Kindern geboren. Sie verließ mit 16 Jahren die Schule und begann eine Vielzahl von unterschiedlichen Jobs, vom Verkauf von Hot Dogs bis zur Arbeit an einer Tankstelle. Zur Fotografie kam sie erst durch einen Abendfotokurs in Bath Lane in Newcastle, wo sie ihr Dozent, Mick Henry überzeugte, sich für einen Dokumentarfilmkurs in Newport zu bewerben. Henry war es auch, der ihr später zu einem Stipendium an der Universität verhalf. Im Alter von 20 Jahren verließ Tish ihre Heimat, um unter der Leitung des Magnum-Fotografens David Hurn an der School of Documentary Photography an der University of Wales in Newport zu studieren.

Tish Murthas Werk beschäftigte sich vorwiegend mit der Dokumentation von benachteiligten sozialen Randgruppen in ihrer Umgebung überwiegend in Newcastle. Dabei investierte sie viel Zeit für den Aufbau von vertrauensvollen Beziehungen zu ihren Protagonisten, die ihr einen intimen Zugang zu den von ihr fotografierten Gesellschaftsgruppen ermöglichten. Die jungen Menschen, die sie als Stadtfotografin im Rahmen eines Arbeitslosenprogramms über Kinder und später über Jugendarbeitslosigkeit sowie eine Jugend-Jazzband in Eslwick Newcastle fotografierte, zeigen wie hartnäckig, einfallsreich, clever und belastbar die Jugendlichen waren und auch sein mussten. Ihre Bilder erinnern an die Fotografien von Edith Tudor-Hart oder Dorothea Lange in den 30er Jahren sowie an die Serie der »Farmerfamilie« von Walker Evans.

Tish Murtha © Ella Murtha, Alle Rechte vorbehalten
Elswick Kids – Tish Murtha © Ella Murtha

In ihrer fotografischen Arbeit fühlte sie sich gegenüber den Menschen in ihrer Umgebung und ihren Problemen verpflichtet. Die sozialen Nachteile, die sie selbst in ihrer Kindheit und Jugend erfahren hatte, hebt sie deutlich in ihren Bildern hervor. In ihren Fotografien spürt der Betrachter die Vertrautheit der Fotografin mit den Menschen, als wäre sie ein Teil von ihnen. Kurze Zeit später wurden ihre Bilder vom lokalen MP (Member of Parliament) im Unterhaus des Parlaments gezeigt, um die Auswirkungen der Thatcher-Regierung auf das Alltagsleben zu verdeutlichen.

Tish zog 1982 nach London, wo sie u. a. einen Fotoauftrag für eine Serie über die Sexindustrie in Soho erhielt, die 1983 in der Gruppenausstellung »London by Night« gezeigt wurde. Ihr letztes großes Vorhaben war die Dokumentation des Middlesbrough-Industriezentrums, bevor es im Rahmen des Middlehaven-Sanierungsprojekts fast völlig verschwand.

Tish Murtha war alleinerziehende Mutter, sie erlag am Vortag ihres 57. Geburtstag, am 13. März 2013, einem Hirnaneurysma. Als Organspenderin rettete sie vier Frauen das Leben und vier Männern das Augenlicht. Postum erhielt sie den Johanniterorden (Order of Saint John). Ihre Tochter Ella und Nachlassverwalterin begründet die späte Entdeckung und Anerkennung des Werks von Tish in der New York Times: »Because she didn‘t have a penis«. Damit teilt Tish Murtha das Schicksal mit vielen anderen bisher noch unbekannten Fotografinnen nicht nur in Europa. Seit dem frühen Tod setzt sich ihre Tochter Ella dafür ein, Tishs fotografischen Nachlass der Öffentlichkeit zugänglich zu machen und so das Andenken an ihr herausragendes Werk zu erhalten. Aufgrund eines in England 2017 erschienen und viel beachteten Fotobandes über Jugendliche Arbeitslose kam es 2018 zu einer großen Ausstellung in der Photographers’ Gallery London, die ein breites Presseecho bekam, im gleichen Jahr erschien der neuste Fotoband »Elswick Kids« im The Bluecoat Press Verlag in Liverpool:

Tish Murtha © Ella Murtha, Alle Rechte vorbehalten
Juvenile Jazz Bands – Tish Murtha © Ella Murtha

Youth Unemployment
Fotogafien: Tish Murtha, Text: Val Williams
Softcover, Duotone: 270 x 290 mm, 168 Seiten, ISBN 9781908457424
@ The Bluecoat Press

Elswick Kids
Fotografien: Tish Murtha
Hardcover, Duotone – 270 x 290mm, 180 Seiten, ISBN 9781908457509
@ The Bluecoat Press

In der Ausstellung werden erstmals in Deutschland über 130 Arbeiten der Werkserie von Kindern und arbeitslosen Jugendlichen aus ihrer Heimatstadt einer breiten Öffentlichkeit vorgestellt. Die von Benjamin Ochse kuratierte Ausstellung wird in Zusammenarbeit mit Ella Murtha ab Ende März 2019  in Berlin zusehen sein, weitere Informationen finden Sie demnächst hier.

Alle Fotografien: Tish Murtha © Ella Murtha, Alle Rechte vorbehalten.

* Juvenile Jazzbands sind eine Art Kindermarschkapelle, die im 20. Jahrhundert  in den Bergbaugebieten der Arbeiterklasse im Norden Englands und in den Midlands aufkamen.